Briefe an Alleinreisende…(Teil 1)

Liebe Alleinreisende,

…wie lange bist du schon unterwegs?

Vielleicht mein ganzes Leben? Es kommt immer darauf an, wie ich das Leben betrachte. Mal steht es still, dann bewegt es sich und ich tauche mit ein. Es ist die Kunst das Leben immer wieder als Reise zu betrachten. Jeden Tag als Möglichkeit zu sehen für neue, unbekannte Entdeckungen.

…was treibt dich an?

Die Suche nach dem Unbekannten. Mir selbst. Den anderen. Der Schönheit der Welt. Der Weite des Meeres. Dem Dazwischen-Schweben zum Beginn und Ende jeder Reise.

…wo willst du hin?

Ich weiß es nicht. Vielleicht zum Meer. Ins Wasser. Zur Sonne. Auf den Berg. Zu neuen Sprachen. Ins unbekannte Abenteuer über das ich später dankbar sein kann.

…was führst du mit in deinem Gepäck?

Immer einen warmen Pullover, ein wenig Geld, Zahnbürste, ein 2. Paar Schuhe. Aber noch wichtiger: Lust aufs Leben, Mut, manchmal Feigheit (vielleicht ist das aber auch das letzte Stückchen Sicherheit), Entdeckerfreude, Liebe und Vorsicht für alle neuen Menschen und jede Reise bringt auch etwas Neues in den Rucksack.

Mal ist es Sehnsucht nach Wärme, dann Abenteuerlust, das Gefühl der Einsamkeit oder Verbundenheit. Eine warme Mütze. Ein Bikini.

…fragst du dich manchmal warum alleine?

Ohja, ich sehe dann all die anderen Menschen, die immer so glücklich zusammen sind. Verliebte Paare. Familien. Freunde am Pool.

…warum tust du es dann dennoch?

Weil es mich mehr entdecken lässt. Es gibt immer den einen Moment auf der Reise (oder manchmal sind es auch mehrere), die mich Verbundenheit spüren lassen zu allem was da ist. Der Moment, wenn die Stille des Meeres einbricht, nach vielen Stunden des Alleinseins. Plötzlich bin ich nicht mehr alleine, sondern verbunden mit allem, was auf dieser Welt existiert.

…triffst du andere? Oder bist du immer nur Alleine?

Na klar, es entstehen die spannendsten Begegnungen. In Hawaii mit Bill aus Kanada den 40km langen Napali Coast Hike wandern. Ein lesbisches Pärchen lerne ich beim campen kennen und wir reisen 3 Tage zusammen weiter. Ich treffe jemanden irgendwo und ein paar Tage später lädt er mich zum Essen ein. Philosophenplausch über das Leben. Beim Tanzen lacht mich eine Frau aus Peru an. Ich darf mit ihrem Mann einen Walzer tanzen. Mein erster Walzer, fernab vom Tanzunterricht in der Schule vor fast 10 Jahren. Ich tanze in einer Gruppe mit vielen anderen Frauen, ich spreche ihre Sprache nicht, doch wir sind verbunden auch ohne Worte. Ein Gefühl der Gemeinschaft bricht ganz plötzlich auf, ohne dass ich dafür jemanden bereits lange kennen müsste.

…und wie sind dann diese Momente der Einsamkeit dagegen?

Ich glaube es gibt für mich die akzeptiere und geliebte Einsamkeit. Und manchmal eine gegen die ich kämpfe.

Der unberührte Morgen, der mich weckt und ich habe den ganzen Tag vor mir. Alleine. Und doch sind alle Möglichkeiten offen.

Der Moment im Flieger, wenn alles im Undefinierbaren schwebt, ich bin dazwischen und mache mich auf zu einer Reise ins Unbekannte.

Das Gefühl der Einsamkeit, wenn ich mich nach einer Umarmung sehne, ein paar aufmunternden Worten…und ich weiß, dass sich meine Freunde gerade viele Kilometer weiter weg befinden. Natürlich kann ich in diesem Zustand versinken, voller Selbstmitleid und Ängsten. Oder ich mache mich auf, lerne neue Menschen kennen oder versinke in den Tönen der Natur. Die lassen dich auch nie alleine auf dieser Welt sein.

Ich reise auch nicht immer alleine. Aber so 2-mal im Jahr…unbedingt!

…und wie fing es alles an?

Naja, im Grunde schon immer. Aber mein erstes bewusstes Erlebnis mit dem Alleinereisen war ungewollt und hat mich doch in diese neue Sehnsucht hineingeführt: Vor einigen Jahren war ich mit Freunden auf dem Weg nach Kroatien, meinen Ausweis zuhause vergessen, was ich kurz vor der Grenze am Samstagmorgen um 5 Uhr entdeckte. Kroatien gehörte damals noch nicht zur EU und wie auch jetzt immer noch wird oftmals an der Grenze fleißig kontrolliert. Ich wurde nicht hineingelassen in das Land, trotz Führerschein und zahlreichen anderen Dokumenten. Meine Freunde fuhren mich nach Ljubljana, die Hauptstadt Sloweniens, wo ich das Wochenende über auf die Öffnung der deutschen Botschaft am Montag warten musste. Plötzlich befand ich mich im Schlafsaal eines Hostels mit nackten betrunkenen Engländern wieder, abends auf den Straßen den Musikern lauschend, beobachtete andere Reisende zusammen… Es war eine Mischung aus unerträglicher Einsamkeit und dem Gefühl einer neugewonnenen Freiheit.

In der deutschen Botschaft traf ich ein Ehepaar, das mich dann schließlich über die Grenze mitnahm und zum Treffpunkt mit meinen Freunden fuhr.

Viele Tränen kosteten mich diese 2 Tage in Ljubljana, fast wäre ich mit dem Zug zu meinen Eltern gefahren…es wäre vielleicht leichter gewesen, doch hätte mir nicht die Tür zu vielen weiteren Reisen geöffnet.

…und wo hat es dich bisher alles hingeführt?

Im Grunde könnte die Liste seitenlang sein. Doch meine wichtigsten Stationen waren:

Eine internationale Artistic Research Conference in Istanbul. Von dort nach England. 1 Monat Sprachkurs. Ich habe meinen damaligen Freund schrecklich vermisst.

Hawaii. 1 Jahr studieren und 3 Monate herumreisen auf den Inseln und in Kalifornien, null Planung der Übernachtungen und die meiste Zeit ohne Auto.  Trampen, Busse, Züge, Fliegen und meine eigenen Füße waren meine Fortbewegungsmittel. Ich hatte riesen Angst vor der Reise nach Hawaii, bis ich beschloss, dass sie mein Freifahrtschein fürs Leben werden sollte. Wieder hatte ich Angst vor den 3 ungeplanten Monaten ganz alleine. Bis ich beschloss, dass sie die geilste Reise meines Lebens werden sollte. Und ja, sie war wirklich ein riesen Überraschungspaket. Später beim Heimflug ging es nach New York.

Kroatien, die 2. Auf nach Podum zu einem einwöchigen Theater und History-Verarbeitungswoche. Währenddessen war ich nicht alleine. Doch meine An- und Abreisen lassen auch immer wieder Abenteuer offen, plötzlich entstehen tolle Begegnungen und ich bin nicht mehr alleine :). Auf dem Weg dorthin habe ich eine Frau aus Bosnien kennengelernt mit der ich immer noch in Kontakt bin. Und ja da fällt mir eine spannende mehrtägige Ab-und Anreise ein, die ich alleine gestemmt habe: Russland, mitten im Winter, vom Schwarzen Meer zurück nach Moskau. Niemand sprach ein Wort English oder deutsch. Ich habe nichts verstanden und nichts lesen können. Aber mit Zeichensprache und Vertrauen geht es immer.

Riga. Geplant war es mit einer Freundin, die dann aber plötzlich nach Hause in die USA musste. Sie hatte ich an der Bushaltestelle in Hawaii kennengelernt und bereits in Kalifornien besucht. So erkunde ich alleine die Hauptstadt Lettlands und ihre nahe Umgebung.

Jetzt bin ich in El Hierro. Nicht ganz alleine, zumindest die erste Woche habe ich bei Freunden gezeltet. Auch jetzt bin ich bei Freunden von ihnen, eine Woche an einer Stelle. Ich merke auch, dass es mich diesmal nicht zum Abenteuer des viel Erkundens führt, sondern Ausruhen, die Stille genießen (wenn nicht gerade in der Garage unter mir spanische Folklore mit dem Keyboard geprobt wird  :)).

…ist das Alleine Reisen für dich wie eine Abenteuerfahrt?

Ja in gewisser Weise schon. Es ist aber auch ein Überprüfen „Wo stehe ich gerade im Leben?“, „Was macht mir Angst?“ und „Was wünsche ich mir?“.

Hier in El Hierro habe ich gemerkt, dass ich gerne mehr erwachsen agieren möchte. Als starke Frau, die ihre Wünsche und Bedürfnisse äußern kann, diese umsetzt und alleine ihre Dinge gebacken bekommt. Zum Beispiel bin ich zum ersten Mal alleine mit einem Mietwagen gefahren. Ganze 8h war ich unterwegs und am nächsten Morgen schon wieder. Bis zu einem Flecken, den südwestlichsten Europas, der früher als das Ende der Welt bezeichnet wurde. Zu Beginn verfolgte mich rasendes Herzklopfen im Auto, doch ich wurde ruhiger und glücklicher mit jedem Meter, den ich hinter mich brachte. Plötzlich kamen mir Tränen in die Augen, weil ich froh bin diese Herausforderung gewagt zu haben und mich immer wieder Menschen in meinem Leben unterstützt haben, das Autofahren doch nicht sein zu lassen (ich habe ein Trauma von meinem Fahrschullehrer und 2 verfehlten Prüfungen) …ich denke an diese Menschen und habe ein dankbares Lächeln im Gesicht.

…und jetzt- wohin geht deine nächste Reise?

So ganz weiß ich das noch nicht. Mein Leben ist ja schon eine Reise. Mal sehen. Es fühlt sich so an, also ob die Reisen mit meinen Wünschen zu mir kommen. Aber die verrate ich erstmal noch nicht :)…

…so gut, dann angenehme Weiterreise.

Danke, danke! Ich bin schon gespannt.

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13 Gedanken zu “Briefe an Alleinreisende…(Teil 1)

  1. Wie schön geschrieben! Auch ich reise schon sehr lange und sehr gerne allein. Ich habe das Gefühl auf diese Weise viel mehr von den Orten, die ich besuche, meinen Mitmenschen, aber auch mir selber zu lernen. Nun habe ich deinen Beitrag gelesen und habe mich in sovielem wiedererkannt. Schöner Blog! LG Antje

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  2. Wow! Ich bin leider selber noch nicht alt genug um alleine reisen zu dürfen (mit 16 Jahren haben meine Eltern da etwas dagegen), aber sobald ich volljährig bin, will ich das unbedingt mal ausprobieren. Vielen Dank für diesen Blogeintrag. Dank ihm bin ich mir jetzt sicher, dass ich unbedingt auch mal allein unterwegs sein will. Bisher habe ich immer nur schlechte Dinge über die Reise allein – vorallem als Mädchen – gehört. Aber deine Erfahrungen geben mir ein wenig Mut und Sicherheit, dass es eben doch trotz allem ein tolles Erlebnis sein kann!

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    1. Danke für deinen schönen Kommentar&ich freue mich dich ein Stück weit zum Alleinereisen ermuntert zu haben:)Der richtige Zeitpunkt wird kommen…wo &wann auch immer.Ich jedenfalls lerne durch diese Erfahrungen viel dazu und lerne immer wieder wunderbare Menschen kennen.viele Grüße, gerade bin ich in Belgrad 🙂

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