Mission experienced

Ein letztes Mal rase ich zum Frühstück. Es ist 6.45 und ich habe fast verschlafen. Meine erste Nacht seit Tagen in der ich endlich über 5 Stunden schlafen konnte. Und wieder beginnt der Tag in Hetze. Eile. Anstehen an der langen Schlange. In die Essenshalle. Ein letztes Mal die Soldaten mustern, gucken wer wohl hinter der Person steckt. Ein letztes Mal meine Thermosflasche auffüllen. Die kleinen abgepackten Portionen von Marmelade, Honig und Frischkäse angucken und mir überlegen was ich denn jetzt essen will. Doch es ist keine Zeit. Also verbringe ich meine letzten 2 Stunden hier nochmal im strukturierten Modus. Packe meinen Rucksack, wie dutzende Male die letzten Tage. Putze die Toiletten im Stakkato Modus. Laufe die Treppen auf und ab. Fühle meine Müdigkeit und zugleich so viel Adrenalin und Glücksgefühl über all die vergangenen Tage und darüber, dass ich jetzt wieder „nach Hause“ (Grillhof in Innsbruck) zurückkehren kann. Kein Duschen mehr in der Massendusche um 5.45. Muss mich nicht mehr gefühlte 20-mal am Tag in einer Linie mit meinem Squad aufstellen. Auch die Idee in meinen Schuhen ins Bett zu gehen, damit ich um 1h nachts schneller angezogen bin, darf jetzt aus meinem Kopf verschwinden. Im Grunde könnte ich eine mehrseitige Liste beginnen, denn mein gewohntes Leben wurde die letzten 6 Tage auf den Kopf gestellt. Ich bin immer noch in der Verarbeitung, kann das Ganze noch nicht im Ganzen sehen… Vielleicht die Tage. Nächste Woche. Oder im Beziehung zu alldem was die Erfahrung hier bringt.

Trotz all meiner Verwirrung hier ein Versuch des chronologischen Erzählens:

Montag morgens im Magazin einer Bundesheer Baracke irgendwo in Innsbruck: Ich bekomme einen riesigen typisch Armee-grünen Rucksack mit Schutzhelm, grünen Socken, grüner Regenhose- und Jacke, Kampfschutzweste, riesigen schwarzen Schuhen, Lawinenschaufel und viel mehr… Weiter geht es bergauf mit dem Bus gen Lizum- Walchen, wo wir in einem typischen Militär-Jeep den Schnee und die Berge hinauffahren. Ich staune über die Schönheit der Natur und dass inmitten dieser Stille ein Truppenübungsplatz ganz versteckt in den Bergen liegt.
Vorlesungen zu zivilen Friedensmissionen, Entführung, Verhören, Checkpoints und Verhandlungen bilden einen Rahmen für unsere praktischen Erlebnisse der nächsten Tage.

Zusammen mit meinem Squad schlafe ich in einer Militärbarracke mit 10 Hochbetten. Es ist immer laut, das Licht grell und doch kann ich glücklicherweise die ersten beiden Tage fast 6 Stunden ruhen. Meine Bedürfnisse passen sich den Routinen an: Um 6 Uhr Frühstück. Ab 7 Uhr Vorlesungen und praktisches Training. 11.30 Mittagessen. Gegen 16.30 Abendessen. Bis 23h abends werde ich mit neuen Infos gefüttert. Befinde mich draussen im Schneegestöber und übe zusammen mit meinem Squad den Lawinenstab zu benutzen. Lerne verschiedenste Waffen zu entsichern. Danach zittern meine Hände und ich würde am liebsten weinen. Laufe nachts ohne Licht mit Schneeschuhen durch die Winterlandschaft. „Bewundere“ die Schüsse in den verschiedenen Farben, die die kämpfenden Soldaten verschwinden lassen. Immer dabei ist unser Trainer, ein Hauptmann des Bundesheers, der vor allem der Leiterin unserer Squads Feedback gibt.

Am Mittwochabend nach ca. 25 Stunden Unterricht und praktischen Übungen in den letzten 2,5 Tagen folgt eine Einweisung in die zivile Friedensmission unserer UNMIFT Mission. Ein komplexes Rollenspiel-Szenario wurde für uns entwickelt. Von da an sind wir unterwegs, um Fakten im Konflikt zwischen den „Oberländern“ und „Südländern“ zu finden, den humanitären Bedarf durch Gespräche in der Bevölkerung zu klären, die von Soldaten und Alumni des Peace Studies Programms gespielt werden. Aufgabe ist es aber auch mit all der Realität, die uns umgibt in die verschiedensten Einsätze einzutauchen. Auch mit dem, was wir selbst fühlen und denken. Tja und das bringt mich oft an meine Grenzen. Wenn ich spät abends eine Einweisung in unseren Einsatz am nächsten Morgen bekomme und dann um 3 Uhr morgens geweckt werde, weil wir ein Feuer in einer illegalen Flüchtlingsunterkunft löschen und Erste Hilfe leisten müssen, kommen schon immer wieder Tränen aus mir heraus. Durch Funkradios sind wir mit den anderen Squads verbunden. Kurzfristig wird unser Headquarter von der lokalen Polizei festgenommen und alle Aufgaben müssen neu verteilt werden. Mein Kennzeichen im Schnee sind die blaue UN-Weste, die ich immer außerhalb der Baracke tragen muss. So auch mein blauer Helm und meine ID-Karte.

Wegen des spontanen Einsatzes aufgrund des Feuers brechen wir später zur Erfüllung unserer geplanten Aufgabe an. Ich führe Befragungen in einer Enklave von Oberländern und Südländern durch. Diese werden leider von gewalttätigen Ausschreitungen unterbrochen. Nachmittags schiebe ich 3 Stunden Wache zur Sicherung der Militärbaracke. Am Abend bekommen wir die Nachricht, dass höchste Sicherheitsstufe gilt und wir vermutlich evakuiert werden müssen. Dafür üben wir bereits die Tage davor und auch diese Nacht in Drills. Wir müssen innerhalb kürzester Zeit aufgereiht mit allem Gepäck, UN-Schutzweste und Helm in der Nacht draußen stehen. Es klingt lächerlich einfach. Und doch formt es ein Stressgefühl, das die ganze Zeit in mir verweilt. Was vielleicht positiv ist: Ich konnte dabei lernen komplett angezogen mit Licht und offener Tür zu schlafen.

In der letzten Nacht wurden wir um 1.30 morgens evakuiert, weil wir von Artilleriefeuer überrascht wurden. So flohen wir mit unseren Schneeschuhen und riesigem Rucksack inmitten der Nacht zu einem Bunker. Die Geschichten könnten an dieser Stelle endlos weitergehen. Aber ich will nicht mit vielen Details verwirren, sondern noch ein bisschen von meinen eigenen Erkenntnissen erzählen:

Gekommen von dem Gefühl, dass alle Empfindungen und Impulse willkommen sind in meinem Peace Studies Programm, musste ich im Militär erstmal ganz anders damit umgehen. Hier gibt es einen Plan, der befolgt werden soll. Kritik, dass immer etwas besser gemacht werden kann, schneller, effektiver folgte während und nach jedem Einsatz. Das brachte mich gefühlt aus meinem Gleichgewicht. Entweder ich funktionierte oder wollte mich am liebsten heulend verkriechen. Auch die Müdigkeit war Kräfte zerrend. Die Kälte! In der besagten Evakuationsnacht war ich 3 Stunden ohne Handschuhe eiskalt, weil ich verhört und festgehalten wurde. Trotzdem gab es diese Momente der Gemeinschaft, des Mitgefühls und des Daseins füreinander. Meine rote Karte gab mir auch immer die Gelegenheit auszusteigen bei einem Einsatz. Ich habe ein anderes Gefühl von dem Militär bekommen. Wurde gestern bei der Abschlussfeier von den Worten des Oberstleutnants berührt. Von seinen Tränen in den Augen, die er hatte, als er über einen Kameraden sprach. Ich muss nicht effektiv, diszipliniert arbeiten, meinen Körper ignorieren, um gute Arbeit zu leisten. Doch ich konnte erfahren, dass da in mir eine Stärke ist, um auch über persönliche Grenzen zu gehen. Zwischendurch habe ich alles gehasst und jede Aufgabe verflucht. Doch wir alle haben uns auf diesen Prozess eingelassen.

In der Welt „da draussen“ funktioniert Friedens-Sicherung gerade vor allem durch Security. Sicherung der Grenzen, Bedürfnisse und unseres Wohlstandes. Frieden aus dem Bedürfnis von Sicherheit ist ein Teil unserer Lebenswirklichkeit. Richtig, falsch, gerecht, unfair, gut, schlecht…all das ist etwas, was das Militär verkörpert und versucht zu sichern. Es ist eine Institution, die auf der ganzen Welt vertreten ist und somit kann sie auch nicht aus so mancher Friedensarbeit ausgeklammert werden. Das Militär verkörpert für mich damit auch auf eine gewisse Art und Weise die Struktur, die in der Welt gesucht wird. Die Ordnung in der es sich leichter zurecht finden lässt. Für mich waren es die Nuancen in dieser „fremden“ Welt, die mich doch auch die Menschlichkeit spüren haben lassen. Neben all den Ängsten, der Abwehr in mir und all der erfahrenen Hetze. Ich kann dem Militär immer noch nicht wirklich vertrauen doch durch meine Erfahrungen hat sich meine Einstellung gegenüber den Menschen, die ich im Bundesheer getroffen habe geändert.

Jetzt sitze ich hier und glühe trotz der anstrengenden Woche vor innerer Energie. Mein Blick schweift auf die machtvollen Berge. Ich freue mich auf die verbleibenden 4 Wochen des ersten Semesters. Es ist Halbzeit. Und doch steige ich gefühlt jetzt erst so richtig ein.

Peace!

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