Fragemente der ersten Tage

(See the english version here)

Mein Aufgeregtheitspegel steigt,als ich das Foyer des Grillhofes betrete. Etwa 15 Leute sitzen auf der Couch verteilt, sie sehen alle aus wie meine neuen Mitstudierenden. Ich stapfe leise auf sie zu und würde dennoch am liebsten wieder verschwinden. Meine Aufregung steigt seit dem Morgen immer mehr an und jetzt ist der Moment da! Doch als ich in einige grinsende Gesichter blicke, gebe ich meiner Stimme etwas Mut und stelle mich vor. „Hi I am Christina“ murmelt es aus meinem Mund. Dann verschwinde ich wieder schnell zur Rezeption, wo mich Rebecca unsere studentische Betreuerin begrüßt und in alle Formalitäten einweist.

Wann habe ich zum letzten Mal Tischtennis gespielt? Ich glaube vor 16 Jahren im Urlaub. Ich lasse mich auf unser Rundspiel ein, wo ich neben Fitnessgeräten, einer Sauna, Infrarotkabine und Liegen mit Ausblick auf die Innsbrucker Berge jetzt mein Tischtennis-Fähigkeiten wieder aufbessern kann. Ein bisschen komme ich mir hier wie im Film vor, doch so beginnt mein erster Nachmittag in meinem neuen temporären Zuhause.

Hier liege ich in meinem weißen Bett, die ersten Begegnungen dieses ersten Tages neigen sich dem Ende zu und ich freue mich über die Ruhe, die so langsam wieder einkehrt. Meine Zimmermitbewohnerin aus Aserbaidschan wird erst nach Mitternacht ankommen. So kann ich die Ruhe genießen und weiß noch nicht ganz, ob ich überfordert oder erfüllt von all den Gesprächen sein soll. Mein Englisch brauch jetzt auf jeden Fall erstmal Ruhe!

Ich blicke in die Augen einer Frau. Sie ist mir fast fremd. Aber auch nicht mehr ganz. Denn sie ist eine der Peace-Studies-Studierenden aus dem 3.Semester. Wir blicken uns in die Augen, machen Ein- und Aus-Atem-Übungen, die vom Direktor unseres Programms angeleitet werden. Einatmen, Ausatmen. Das ist Peace-Work. Es ist die Basis des Lebens. Später gehe ich für mich durch den Raum, blicke den anderen in die Augen, sage: Ich, Du, Wir.
Ein besonderes Gefühl für uns alle, die Gruppe taucht auf. Ich sehe die anderen wie sie sind. Verletzlich. Nackt. Mit Scham. Angst. Manche Kraftvoll. Frieden beginnt damit, dass wir den Menschen hinter dem Menschen sehen. Den, der wir auch sind. Das höre ich die nächsten Tage bei den Vorlesungen noch oft.

Stimmengewirr. Nach der 5- Minuten- Musik, die immer 5 Minuten vor Beginn der Vorlesung ertönt und zu spätestens dessen Ende wir immer im Saal sein müssen, beginnt das Active-Listening. Für die nächsten 8 Wochen werde ich immer einem gleichen Gegenüber erzählen was mich bewegt, wie ich mich fühle, welche Gedanken so in mir da sind. Und sie teilt mir auch ihr Inneres mit. Wir müssen nichts tun. Nur zuhören und unser Herz öffnen.

Ich sitze da mit meinen Giraffenohren und die Tränen laufen mir übers Gesicht. Puh… Über 1,5 Stunden Feedback von 15 verschiedenen Menschen auf meine Abschlussarbeit der Online-Phase zu bekommen ist intensiv. Ungewohnt. Neu. Toll. Ein wenig überfordernd. Es gab 2 Studierende, die mir intensiv Feedback gegeben haben auf Form und Inhalt, dann gab es eine Diskussion unter allen, bis ich Feedback von 3 Profs bekomme. Was positiv ist: Alle benutzen Giraffen- und Wolfhandpuppen zum Sprechen, folgend der Gewaltfreien Kommunikation. Giraffen sind die Landtiere mit dem größten Herzen, deswegen wurden sie gewählt um aus dem Herzen Feedback zu geben. Der Wolf darf auch mal benutzt werden, um richtig gemein zu sein 😉 Ich bin erstaunt von der Offenheit und den lebendigen Diskussionen. 7 Tage lang werden wir uns jetzt auf diese Art und Weise Feedback geben. Und ja die Giraffenohren helfen…ich höre mehr und mehr offen zu, versuche mich nicht gleich zu verteidigen.

Nicht wir machen die Erfahrungen, sondern die Erfahrungen machen uns. Beeinflusst von dieser starken Aussage, die ich seit dem Beginn meines Studiums fast jeden Tag hier von Wolfgang Dietrich, dem Direktor des Programms höre, fange ich an nachzudenken. Was hat mich gemacht? Macht mich immer noch? Jeden Tag? Jeden Moment? Dass es keine ultimative Definition von Frieden gibt und sich selbst mein Verständnis davon jeden Tag ändert, merke ich besonders hier. Diese Woche haben wir die 5 Peace-Familien in der Einführungsvorlesung kennengelernt. Auch wenn jeder sein eigenes Friedenskonzept/bild/erfahrungen mitbringt, finden sich ähnliche Ansätze in diesen energetischen, moralischen, modernen, postmodernen und transrationalen Frieden-familien wieder. Ich wurde von all diesen Einflüssen geprägt, ich erfahre sie weiterhin und folglich transformieren sie ständig. Doch bald mehr zu den Peace-Families! Bisher fühle ich mich sehr inspiriert und freue mich schon auf die praktische Phase, die nach der nächsten Woche beginnt.

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